Die neue KI halbiert die Durchlaufzeit Ihrer Angebote. Doch in Wahrheit zementieren Sie eine historische Notlösung in Code. Der unsichtbare Preis dieser Automatisierung ist der schleichende Verlust der Agilität.
WENN ANALOGE ALTLASTEN ÜBERLEBEN Ich habe in meinem alten Betrieb irgendwann bemerkt, wie auch banale Standardangebote zur Freigabe auf dem Schreibtisch des Vertriebsleiters landeten und dort tagelang auf Freigabe warteten. Diese Regel stammte aus einer Zeit, als der Betrieb viel kleiner war und eine Assistenzkraft die Angebote erstellte – längst bestand der Vertriebsinnendienst aber aus hochqualifizierten Fachkräften, die keine Kontrolle für Routinefälle mehr brauchten.
DIE EFFIZIENZ ILLUSION Wird nun dieser historisch gewachsene Ablauf im Backoffice durch eine KI-Software automatisiert, beinhaltet das erstmal auch die eigentlich obsolete Prüfschleife beim Vertriebsleiter. Trotzdem halbiert sich die Durchlaufzeit der Angebote. Ein scheinbar erfolgreiches Projekt, das seine Effizienzziele im Controlling perfekt erfüllt.
DER TEURE VERLUST DER AGILITÄT Doch in der Realität macht genau das ein Unternehmen unbeweglich. Wenn dieser Ablauf künftig angepasst werden muss, reicht kein kurzes Team-Meeting mehr. Jede kleine Prozessänderung erfordert nun ein teures IT-Projekt, Customizing und externe Dienstleister.
Die Automatisierung eines ungeprüften Ablaufs senkt zwar kurzfristig die Durchlaufzeit, erhöht aber langfristig die zukünftigen Änderungskosten des Betriebs drastisch. Jede spätere Prozessänderung wird dadurch zu einem komplexen IT-Projekt. Anpassungen bei stark individualisierten Systemen im Mittelstand ziehen erfahrungsgemäß hohe Dienstleistungskosten nach sich. Wenn die historische Narbe erst einmal tief in der Software-Architektur codiert ist, lässt sie sich kaum noch entfernen.
ERST DIE HAUSAUFGABEN DANN DIE SOFTWARE Für mich heißt das ganz klar: Räumt erst den Prozess auf, bevor ihr die KI drüberstülpt. Wer seine Workflows vorher nicht anpackt, macht seine Ineffizienzen am Ende einfach nur digitaler.
Nr. 70 · Cord Cassel · Zuerst erschienen auf LinkedIn, hier in der Originalfassung.