Serie K — Vom KI-Hype zum Organisationsprojekt · 30. September 2026

2016/17, ein Betrieb mit rund sechzig Leuten. Unser langjähriger Produktionsleiter ging in Rente. Sein …

Der Bus-Faktor, den keine Geschäftsführung laut ausspricht — Risikominimierung und Unternehmenswert statt Technologie-Framing; Wissen verankern, nicht Menschen ersetzen

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2016/17, ein Betrieb mit rund sechzig Leuten. Unser langjähriger Produktionsleiter ging in Rente. Sein Nachfolger war gut, aber die Materie war so komplex, dass sie lange Einarbeitung brauchte. Also kam unser alter Produktionsleiter danach ein- bis zweimal die Woche vormittags zurück, setzte sich an den Schreibtisch und war ansprechbar.

Er beantwortete die Fragen, die gerade anfielen, und erklärte, wie man dies und das macht. Aufgeschrieben wurde nichts. Der Nachfolger baute sich Schritt für Schritt seinen eigenen Erfahrungshintergrund auf — aus dem, was gerade auf dem Tisch lag.

Wir hielten das damals für eine gute Lösung. Nur: Er wollte, er konnte, er wohnte nah genug. Wir hatten einfach Glück. Und selbst mit Glück: Was in diesen Monaten nicht gefragt wurde, ging als Wissen verloren.

Das Gespräch am konkreten Fall war dabei genau richtig. Fragt man einen erfahrenen Produktionsleiter allgemein, was er denn wisse, kommen Allgemeinplätze über Sorgfalt und Abstimmung. Legt man ihm einen konkreten Vorgang hin, kann er das sofort beantworten. Das Gedächtnis arbeitet über den Kontext.

Heute gibt es Methoden, die genau das nutzen. Eine KI-Software würde vorab die Unterlagen des Betriebs durchgehen — Aufträge, Angebote, Sonderfreigaben, Reklamationen — und die Vorgänge heraussuchen, bei denen vom Standard abgewichen wurde, denn dort hat jemand aus Erfahrung entschieden. Daraus entstünden die Fragen für ein Interview mit dem Experten, solange er noch im Betrieb ist, und jede Frage brächte ihren Kontext gleich mit: Warum wurde hier anders entschieden? Worauf haben Sie bei diesem Kunden geachtet? Solche Fragen wecken Erfahrungen, die tief liegen. Das Interview würde aufgezeichnet und in einem KI-Wissensspeicher bereitgestellt, sodass der Nachfolger ähnliche Fälle nachschlagen könnte.

Welcher Ihrer Schlüsselleute würde nach der Rente zweimal die Woche wiederkommen? Und was, wenn nicht?

Serie: Vom KI Hype zum Organisationsprojekt - Risikominimierung und Unternehmenswert: Wissen verankern

Nr. 310 · Cord Cassel · Zuerst erschienen auf LinkedIn, hier in der Originalfassung.

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